Einmal Arschlecken bitte

„Hallo Sir, darf ich Ihnen vielleicht den Arsch lecken?“

„Oh ja bitte, sehr aufmerksam von Ihnen“

– – – – – – –

Langsam bekomme ich das Gefühl, dass eben dieser Dialog der gewünschte Inhalt der Kommentarleisten bei Facebook und Co. darstellt. Denn tausende Fotografen laden jeden Tag tausende Bilder in den sozialen Netzwerken hoch, nur um zu hören wie toll sie doch sind. Denn wo ist denn bitte noch Kritik erwünscht? Wann ist denn noch jemand bereit Kritik wirklich einzufordern und dann auch auszuhalten.

Fotogtafie ist so banal geworden, dass jeder es kann, jeder vermag ein „gutes“ Foto zu machen. Aber Fotografie ist mehr als nur Bilder zu produzieren.

Früher sagte man, dass die ersten 10.000 Bilder eh nur Schrott sind. Aber das lag sicherlich am Umstand, dass früher mit Film fotografiert und nicht jeder wahllos geknipst hat. Heute aber hat jeder eine Kamera in seiner Hosentasche. Wir alle haben innerhalb kürzester Zeit 10.000 Bilder geschossen aber uns diese nie wirklich angesehen. In Zeiten, wo selbst die Cover-Bilder großer Magazine und Zeitschriften mit einem IPhone geschossen werden, ist professionelle fotografische Technick so nah am Pöbel wie nie zuvor. Aber die Möglichkeiten des Tuns machen uns nicht zum guten Fotogtrafen. Es reicht auch nicht 10.000 Fotos zu machen, vielmehr müssen wir uns diese 10.000 Bilder ansehen, ganz genau. Wir müssen reflektieren lernen warum ist das eine besser als das andere? Warum gefällt mir das besonders gut? Was habe ich hier gemacht oder was hätte ich hier tun sollen?

Kritik ist hierbei der Schlüssel zum Erfolg. Kritik kann unseren Blick erweitern oder uns festigen. Wir müssen es nur selbst auch wollen.

 

Was ist Kritik für mich, was ist gute Kritik und wo  geht Kritik zu weit?

Was ist Kritik?

Kritik ist essentiell. Für das ganze Leben ebenso wie für die Fotografie. Wir brauchen als Menschen immer ein System an dem wir uns messen können, im positiven, wie auch im negativen. Wir brauchen Menschen um uns herum, die uns eine gewisse Diversität bieten um uns selbst besser einschätzen zu können. Wir können uns nur dann beurteilen wenn wir einen relativen Maßstab haben. Und auch das ist im Leben genauso wie in der Fotografie.

Ich bin sogar gänzlich davon überzeugt, dass ein guter Fotograf sein innerliches Selbst auf seinen Bilder erkennen lässt, quasi als Abbild seiner Seele und seiner Empfindungen.

Aber so essentiell ich Kritik auch empfinden mag, wir müssen uns nicht jeder Kritik annehmen. Nicht jede Kritik ist ein Grund für eine Änderung in seinem eigenen Schaffen.

 

Was ist gute Kritik?

Für mich hat gute Kritik nicht unbedingt etwas mit der Art und Weise zu tun, sondern eher im Effekt die sie hervorruft. Zum einen muss man gewisse Situationen aushalten lernen und zum anderen muss man sich auch ab und an mal hinterfragen.

Ist das wirklich das was ich will? Bin ich denn noch auf den richtigen Weg oder bin ich an einer Stelle an der ich nicht hingehöre? Muss ich mich ändern oder bin ich vielleicht sogar endlich am Ziel?

Ich muss dazu sagen, dass ich die Fotografoie auch immer ein wenig philosophisch betrachte. Ich kann mir diese Art der Romatik leisten, schließlich muss ich davon nicht leben. Jemand der von dieser Dienstleistung leben muss, der sieht die Fotografie unter Umständen mehr als Handwerk statt als Kunstmittel. Denn als Dienstleister bin ich natürlich einem gewissen Zwang unterlegen, mich nach den Wünschen meiner Kunden zu richten. Wenn ich dies dauerhaft ignoriere, wird das Geld in der Kasse unter Umständen immer weniger.

Aber vielleicht ist es auch gerade der Dienstleister der sich hinterfragen muss und auf Kritik reagieren sollte, schließlich sind seine Werke auch seine Arbeit und seine Arbeit bedeutet für ihn ein gewisses Überleben.

Bevor ich mich zu sehr verzettel: ich denke jede Form der Kritik ist gut. Positiv wie auch negativ. Ich glaube dass der Mensch im Allgemeinen dazu neigt sich in Strukturen festzusetzen. Aber das was ich mal gelernt habe und das was ich mal erfahren habe, muss nicht zwangsläufig noch aktuell sein. Kritik erweitert unseren Blick und lässt uns Aspekte erkennen die wir vorher vielleicht nicht, oder mit einem anderen Auge wahrgenommen haben. Kritik, wenn wir sie richtig verstehen, stärkt uns auf unserem Weg, weil sie die Richtung in die wir gehen bestärkt oder aber weil sie uns daran erinnert, wo doch unserer eigentliches Ziel war.

 

Was ist schlechte Kritik?

Keine Ahnung…

Ich denke schlechte Kritik hat nichts mit der Kritik als solches zu tun, sondern eher damit wie wir selbst damit umgehen.

– „DAS IST EIN SCHEIß BILD!“ –

…ist mir persönlich lieber, wie wenn jemand versucht seine vernichtende Kritik in blumige Worte zu kleiden. Denn unter Umständen hat er ja vielleicht sogar Recht, vielleicht ist das Bild echt scheiße. Eine nett-formulierte ICH-Botschaft macht das Bild dann auch nicht schöner.

Gut, die Tücke des Internets liegt darin, dass wir uns nicht sehen können und in einen nicht realen Dialog treten. In einem Gespräch würden wir diesen Dialog unter Umständen so nicht führen.

In diesem Punkt liegt eigentlich auch schon mein Hauptargument für eine schlechte Kritik. Mittlerweile versuche ich Kritik so zu formulieren, wie ich sie auch jemanden ins Gesicht sagen würde. Gerade früher ist mir das nicht immer so gelungen. Aber Kritik, so emotional sein Ursprung auch sein mag, sollte dennoch versucht sein, sich an eine reale Situation anzupassen. Wenn ich mir nicht traue jemanden in Gesicht zu sagen wie schlecht ich seine Arbeiten als Fotograf finde, dann sollte ich mich auch nicht über das Internet verstecken.

Abgesehen davon muss man sich auch fragen, warum kritisieren ich das eine oder andere Bild überhaupt. Bin ich Egomane und möchte jeden beweisen dass ich besser bin? Möchte ich eigentlich nur ein wenig stänkern? Möchte ich zum Nachdenken anregen? Möchte ich den Anderen helfen besser zu werden und eventuelle „Fehler“ beim nächsten Mal nicht mehr zu machen?

Ich persönlich sehe viele Bilder die ich nicht mag, ich sehe viele Fotografen mit denen ich nichts anfangen kann, aber mittlerweile versuche ich klar zu unterscheiden, ob ich einen anderen Geschmack habe oder ob mein Gegennüber technische Ressourcen offenbart.

 

Schlechte Kritik zeigt sich also nach meiner Meinung nach in 2 verschiedenen Konstellationen:

– Als Empfänger: Wenn ich mich gegen jede Kritik verschließe und emotional nicht in der Lage bin, die Kritik für mich rational zu nutzen

– Als Sender: Wenn ich glaube ich muss mir das Internnet zu Nutze machen um zu zeigen wie krass ich eigentlich sein kann. Wenn man keine Eier hat, dann sollte man seinen Frust darüber auch nicht bei anderen abladen.

 

No Go’s beim kritisieren

Gibt es denn bezüglich meiner Theorie auch Sachen die gar nicht gehen in der Ausübung von Kritik? Klar! Ich muss niemanden bewusst  runterputzen. Denn hinter jeden beschissenen Bild steckt ja auch nur ein Mensch mit einem Herzen. Ich muss niemanden verletzen beim kritisieren, es geht ja schließlich um das Bild, nicht um den Menschen. Ein wenig provozieren ist ja auch in Ordnung, aber man sollte nicht gänzlich den Respekt füreinander verlieren. Ist halt wie beim Boxen. Größe ist, wenn man jemanden auch danach noch in die Augen blicken kann.

 

Aber es gibt auch Situationen bei denen ich echt ekelhaft werde. Ich hasse zum Beispiel solche Sätze wie:

„Machs doch erstmal besser, die Bilder die ich bei dir sehe, sind auch nicht viel schöner!“

…oder…

„Zeig doch erstmal was von dir bevor du hier rumnörgelst“

Was soll denn das für eine Antwort auf Kritik sein? Macht es mich denn besser, wenn jemand schlechter ist als ich. Wenn mein Bild schlecht ist, dann wird es im eigentlichen Sinne nicht aufgewertet, nur weil es immer noch besser ist als das von anderen. Außerdem muss jemand nicht Profi sein um zu erkennen, ob ein Bild für ihn gut ausschaut oder eben nicht.

 

Ein wirklich guter Fotograf ist sowieso relativ imun gegem Kritik, aber nicht deswegen weil er maßlos arrogant ist. Vielmehr, weil er das was er macht fachlich begründen kann. Und wenn man etwas nicht begründen kann, dann sollte man vielleicht darüber nachdenken, ob man in Zukunft nicht doch etwas ändern sollte. Ein guter Fotograf weiß was er macht und warum er genau das so macht. Ein guter Fotograf arbeitet bewusst. Denn ein guter Fotograf hat bereits seine ersten 10.000 Bilder wirklich gesehen und für sich bewertet. Er hat sich und seine Arbeit schon oft auf die Waage gestellt und irgendwann kam dann der Moment, da war er sicher in seinem Tun. Für mich gehört die Kritik zum professionellen Dasein dazu, wenn auch nicht zwangsläufig aus irgendeiner Community. Aber Kritik ist eine Resonanz meines Wirkens. Ohne diese Resonanz haben wir auch kein Wirken.

Kritik zu dieser These? 😀

Ciao!

 

 

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